Sancta Simplicitas

Das Mondschaf

Das Mondschaf steht auf weiter Flur.
Es harrt und harrt der großen Schur.
Das Mondschaf.

Das Mondschaf rupft sich einen Halm
und geht dann heim auf seine Alm.
Das Mondschaf.

Das Mondschaf spricht zu sich im Traum:
„Ich bin des Weltalls dunkler Raum.“
Das Mondschaf.

Das Mondschaf liegt am Morgen tot.
Sein Leib ist weiß, die Sonn‘ ist rot.
Das Mondschaf.

Christian Morgenstern (1871 – 1914)

Über die Dichtung „Das Mondschaf“ allein könnte man ein dickes Buch, ja was sage ich, mehr als ein dickes Buch schreiben. Da wären in einem Abschnitt die Beziehungen jeder einzelnen Zeile zur Kantischen Philosophe im besonderen nebst der darin enthaltenen Kritik derselben aufzuzeigen, das Sie unter dem „Mondschaf“ doch ganz offenbar … das „Ding an sich“ verstanden wissen wollen, da wäre in einem andern die naturwissenschaftliche Seite der Sache zu behandeln, ob man das „Mondschaf“ mit dem Mondkalb in eine Reihe zu stellen habe oder ob hier ein ganz neuer Tier- oder vielleicht sogar Menschentypus vorliegt, da wäre nachzuforschen, inwieweit zum Beispiel das „Mondschaf“ den Freiherrn Friedrich von Hardenberg bezeichnen [könnte] und was dann alles daraus, für Ihre eigene Entwickelung, für unser Urteil über diese Entwickelung, für die Wirkung dieser Entwickelung, soweit sie vorauszusehen, und endlich für den Wert der eventuellen Wirkung dieser Entwickelung folgen dürfte, des weiteren, ob und wieviel das Opus von der Idylle des Malers Müller „Die Schaf-Schur“ beeinflußt oder doch angeregt sein möchte, wohin ferner der Gleichlang des Wortes Schur mit dem französischen jour (de la gloire) zu führen vermag – ein „Ritt“ ins Politische – und ob es Ihnen endlich gelungen sein sollte, mit der lateinischen Übersetzung des „Mondschafes“ die Kirchenliederpoesie des Mittelalters zu treffen und zu charakterisieren, wobei ich mir einen kleinen Abstecher in mein Spezialgebiet, die Macaroniker, kaum versagen würde, vom poesiekritischen und schönliterarischen Standpunkt ganz zu schweigen.

Das Mondschaf

Mondschaf = Mundschaf = etwa: Sancta Simplicitas

steht – hier so viel wie ‚träumt‘.

auf weiter Flur – bedeutet das unabsehbare Gefilde des Menschlichen.

harrt und harrt. Man beachte den unwillkürlichen Gleichklang mit hart (durus), wodurch die Unabwendbarkeit des Wartens phonisch illustriert erscheint.

der großen Schur – Schur = Jour: Dies irae, dies illa.

rupft sich einen Halm – Der Mensch bescheidet sich in Resignation. Vgl. das klassische Wort von dem Jüngling, der mit tausend Masten in See sticht usw. Man könnte auch sagen: ‚Entsagen sollst du, entsagen!‘

und geht dann heim auf seine Alm – Es ‚geht‘. Es läuft nicht, noch springt es. Darin liegt, wie in dem weichen innigen ‚heim‘ – ein Wort, das nur der Deutsche hat – eine wehmütige Ergebenheit ohne Groll. Alm weist darauf hin, dass die Heimat des Verzichtenden wohl und immerhin doch in einer mäßigen Höhe zu denken ist.

Das Mondschaf spricht. Es ’spricht‘. Zu singen hat es doch wohl die rechte Frische nicht mehr. ‚Spricht‘ ist feierlich, dumpf; aber noch immer stark und bewußt.

zu sich – Nicht zu andern. Es ist einsamen Geistes und verrät dies auch im Traum.

im Traum – Der Traum ist dem Mondschaf dasjenige Element, was dem Fisch die Flut.

Ich bin des Weltalls dunkler Raum – Das Mondschaf vergißt in seiner Schwermut ganz die Sterne. Sein Denken verschwägert sich schon langsam der andämmernden Todesnacht.

liegt – Es ist bereits umgesunken, vielleicht zwischen 2 und 5 Uhr morgens.

Sein Leib ist weiß – Es ist unschuldig geblieben wie Schnee. Fromm und mild hat es sein Geschick getragen und geendet.

die Sonn‘ ist rot – Was kümmert den Sonnenball das Mondschaf? Er behält seine roten Backen. Seine freche brutale Gesundheit triumphiert in gleichgültiger Grausamkeit über das weiße Weh der geknickten Menschnseele. Vgl. auch Goethe: Seele des Menschen usw.

Anmerkungen: Der deutsche Schriftsteller der Frühromantik, Novalis, heißt eigentlich Georg Philipp Friedruch von Hardenberg, sein Onkel, der den 12jährigen Novalis für fast ein Jahr in Obhut genommen hatte, war Friedrich Wilhelm Freiherr von Hardenberg.

Bleibt noch das erwähnte Goethe-Gedicht zu zitieren:

Gesang der Geister über den Wassern

Des Menschen Seele
Gleicht dem Wasser:
Vom Himmel kommt es,
Zum Himmel steigt es,
Und wieder nieder
Zur Erde muß es,
Ewig wechselnd.

Strömt von der hohen,
Steilen Felswand
Der reine Strahl,
Dann stäubt er lieblich
In Wolkenwellen
Zum glatten Fels,
Und leicht empfangen,
Wallt er verschleiernd,
Leisrauschend
Zur Tiefe nieder.

Ragen Klippen
Dem Sturz entgegen,
Schäumt er unmutig
Stufenweise
Zum Abgrund.

Im flachen Bette
Schleicht er das Wiesental hin,
Und in dem glatten See
Weiden ihr Antlitz
Alle Gestirne.

Wind ist der Welle
Lieblicher Buhler;
Wind mischt vom Grund aus
Schäumende Wogen.

Seele des Menschen,
Wie gleichst du dem Wasser!
Schicksal des Menschen,
Wie gleichst du dem Wind!

Siehe dazu: Staubbachfall, der Goethe auf seiner 2. Schweizreise zu diesem Gedicht inspirierte.

Zu Morgensterns Komentar: Christian Morgenstern. Gedichte in einem Band. Herausgegeben von Reinhardt Habel, Frankurt 2003, 18 und 277.

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